Fluchttendenzen
Juli 28th, 2010 by Robby
Eigentlich ist es total abstrus: Du führst die “perfekte“ Beziehung und mit der Realisierung dessen zieht es dich innerlich ganz weit weg. Hast das Gefühl (!)1, dass um dich herum alles in Zement gegossen und vergittert wird. Nicht mit dem was getan, sondern dem was gesagt wird.
Ich meine, deswegen komme ich mit dem Satz “Ich liebe dich.“ nicht wirklich klar. Denn Liebe währt – meiner Meinung nach – ewig2, während Paarbeziehungen immer zeitlich begrenzt sind. Außer beide Partner sterben zeitgleich. Wenn der Satz in einer Beziehung fällt, überträgt sich das Gefühl der Ewigkeit auf die Wahrnehmung dieser und das… passt für mich nicht. Partnerschaften kippen schneller als man “Haha, was du für einen Quatsch erzählst.“ sagen kann. Nicht umsonst habe ich gestern wie ein Bescheuerter rumgerödelt um meine Wahrnehmung zu beschreiben, ein Missverständnis zu klären und den Zug zurück auf die Strecke zu bekommen.3
Ich meine, der Satz ist doch so… klischeehaft?! Ich habe meiner Freundin in der Diskussion dieses Themas vorgeschlagen, wir könnten stattdessen einfach etwas anderes sagen. Zum Beispiel “Ich bin eine Biene.“. Das wäre persönlich, individuell und würde etwas bedeuten. Denn was steht hinter “Ich liebe dich.“? Ich wette, das kann mir keiner beantworten. Oder sagen wir: Nicht in einer allgemeingültigen Version.
Ich meine, ich weiß nicht einmal was er für meine Freundin genau heißt. Er ist ihr fundamental wichtig, wäre bei Nichtsagen ein Trennungsgrund und gibt ihr – vermutlich – die Gewissheit des Fortbestehens der Beziehung.4
Für mich hingegen ist er der Ausdruck von maximaler Freiheit in Gegenwart einer anderen Person. Eine Beziehung steht (für mich) dem diametral gegenüber. Verpflichtungen, Regeln, Unterstützung, Erwartungen. Ich meine, ich habe in der Hinsicht wirklich herausragendes Glück, kann ich mir weite Teile Autonomie erhalten. Aber eben nicht alle. Was wahrscheinlich auch gut (oder zumindest nicht schlimm) ist, seinen Zweck hat und andere Vorteile mit sich bringt, bei mir aber sporadisch „Beklemmungen“ auslöst.
Wie lässt sich ein derartiges Problem lösen? Man schluckt.
Für mich passt der Satz nicht in eine Beziehung5, für sie ist er fundamental. Ich würde eher “Du bist mir wichtig, ich finde dich hochgradig attraktiv, möchte dich glücklich machen und weiterhin mit dir zusammen sein.“ sagen. Denn das sagt auch wirklich etwas aus und beinhaltet Sachen wie Loyalität, Treue, Sicherheit, Interesse, Rücksichtnahme und damit auch das Vernachlässigen einzelner autonomer Anteile. Denn das gehört zu einer Beziehung dazu. Mittlerweile würde ich den Teilsatz “und dass du mich ebenso glücklich machst.“ hinzufügen. Denn eine „gesunde“ Beziehung läuft immer in zwei Richtungen. Und selbst, wenn ich zum Großteil durch das Glücklichmachen des anderen schon glücklich werde… sagen wir, ich bin dabei meine eigenen Bedürfnisse zu entwickeln und kommunizieren zu lernen.
To make a long story short: Wenn ich davon ausgehe, dass ihr “Ich liebe dich.“ meinem “Du bist mir wichtig, ich finde dich hochgradig attraktiv, möchte dich glücklich machen, weiterhin mit dir zusammen sein und dass du mich ebenso glücklich machst.“ entspricht, übersetze ich meinen Satz in “ihre Sprache“6, sage ihn ihr zu Liebe7, lebe mit dem Stich8 und fertig.
Der – persönlichkeitstechnisch gesehen – neue Part “und dass du mich ebenso glücklich machst.“ war dann die gestrige Streitursache. Phasenweise ziemlich mies, wenn Sachen wie “Dann such dir halt eine andere.“ fallen, aber mit entsprechendem Aufwand und Aufzeigen eigentlicher, dahinter liegender Bedürfnisse erfolgreich geklärt.
Das Übel von Beziehungen. Dass man dort nicht einfach aufsteht und geht.9 Zumindest nicht ohne einen Amoklauf und das Ende der Beziehung zu riskieren.10 Vielleicht sollte ich das üben: Es falls notwendig öfter darauf ankommen lassen.
Robby, mag Symbole lieber als Sprache
- Merke: Gefühl ist nicht immer gleich Wirklichkeit. [↩]
- Hach, welch idealistisch-naiver Gedanke
[↩] - Ja, es gehören immer zwei dazu, aber den Hauptanteil sehe ich dennoch bei mir. Wie viel ich mir da wieder aus der Seele kotzen musste… [↩]
- Eine Gewissheit, die es nicht gibt. [↩]
- Und ich brauche ihn auch anderweitig nicht hören. Taten sprechen für sich. [↩]
- Die Landkarte ist nicht die Landschaft. [↩]
- Das ist das Konglomerat aus “Du bist mir wichtig“ und “Ich möchte dich glücklich machen.“ [↩]
- Verzicht auf Autonomie und persönlich anderer Sinngehalt des Satzes. [↩]
- Wenn ich mir da andere Konflikte anschaue *hehe* [↩]
- Das zerreißende Ziehen zwischen Autonomie und Sicherheit. Gottverdammte Abhängigkeit… [↩]
