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Ameisengewusel

Gestern Abend, kurz vor 19 Uhr – Erfurter Hauptbahnhof.
Die große Anzeige im Haupteingang zeigt noch Züge von kurz nach sechs an. Dennoch gehe ich guter Dinge die Rolltreppe hoch – irgendwelche Hinweis-/Verspätungsnachrichten waren gerade eben nicht zu sehen. Oben angekommen zwei weiße, stehende Züge. Tuscheln huschte über den Bahnsteig, Mobiltelefone wurden gezückt. Ich stellte mich hin, wartete und begann – mich fragend, was wohl passiert sei – zu beobachten. Einen der Anwesenden zu fragen empfand ich noch als nicht nötig, würde wohl doch bald eine Durchsage kommen.

“…Personenschaden… Ein- und Ausfahrten… auf unbestimmte Zeit verzögert.”

Yay, wusste ich doch, warum ich’ne Stunde eher hätte fahren sollen. Die Ansage wurde später auf “Personenunfall” korrigiert – was im Detail vorgefallen ist, konnte ich bei vorheriger Suche noch nicht herausfinden. Sollte sich wirklich jemand davorgeworfen haben… Hochhaus spritzt bestimmt auch genug, behindert und beeinträchtigt böse gesagt aber nicht so viele Menschen. Ist wohl auch eine Ecke spektakulärer – sowohl für den, der es tut, als auch die, die es sich antun “dürfen”. Für die eher stillen Naturen sollen sich Herztabletten ganz gut machen, hab’ ich mir sagen lassen. Bei Schlaftabletten hingegen schläft man vermutlich eher ein, bevor man’ne tödliche Dosis geworfen hat.
Sorry, aber da habe ich kein Verständnis für. Wer sich das Leben nehmen will, soll es tun. Zumindest dann, wenn er berechtigte und nachvollziehbare Gründe hat. Oder auch nur aus Langeweile. Soll jeder das tun, was er denkt. Nur dann bitte nicht so. Die Aufmerksamkeit und Publicity bringt einem eh nichts mehr. Ein bisschen Rücksicht bitte, wer schon sein Leben vor den Zug weg schmeißt.
Gilt auch für die Raucher, ist die Diskussion in der TBZ mittlerweile doch sehr ausufernd.

Worauf ich eigentlich zu sprechen kommen wollte: die Reaktionen der Menschen.
Um das Schicksal und die Geschichte des Selbstmörders (oder tragisch-Verunglückten) hat sich natürlich niemand gekümmert. Wozu auch, ging mir sowohl vor Ort als auch bei obigen zynischen Worten nicht anders – irgendwie traurig, wenn man das recht bedenkt. Selbstverständlich dachte erst mal jeder an sich. Hektisch wuselten die Menschen über den Bahnhof. Zum Reisezentrum, Infoschalter oder zügig bereitgestellten Ersatzzügen. Jeder wollte wissen, wie und vor allem wann er weiterkäme. Anschlusszüge, Wartezeiten, Umleitungen etc. – das allgemeine Prozedere.
Ich für meinen Teil stand ruhig, wenn auch etwas von der Tatsache genervt, am Rand und beobachtete die Menge. Wirklich hoch interessant, wie regelrecht panisch und unkontrolliert die Leute herumliefen. Kaum kommt eine Mutter ins Getriebe beginnt die Maschine durchzudrehen. Ein kleiner Mensch, der sich nicht an die Spielregeln hält und unzählige Steine zum Fallen und Züge zum Stehen bringt. Ein Funke, der überspringt.

Ich finde das bei aller Tragik höchst interessant. Wenn man bedenkt, wie leicht und unproblematisch man Systeme erschüttern kann. Dafür braucht man nicht mal Turbanträger welche sich in die Luft jagen. Man muss auch nicht Leute vor den Zug schmeißen. Es reichen schon herrenlose Koffer.

Wäre ich ein Terrorist würde ich einen Teufel tun und Geld für Waffen, Sprengstoff und die Rekrutierung von lebenden Bomben rauswerfen. Die Werkzeuge des Terrors findet man nicht in irgendwelchen Armyshops oder Baumärkten zum Selberbasteln, sondern bei Karstadt und – öhm – wo bekommt man noch Koffer (Reisetaschen tun es auch) her?! Lederwarenläden, Versandhäuser, amazon?!
Ich weiß nicht, was der ganze Kaputt-mach-Kram kostet und wie es um das finanzielle Budget einer gefährlichen Terrorzelle bestimmt ist, aber…
Man kauft einfach Unmengen Koffer. Und diese plaziert man relativ zeitgleich (bzw. -nah) an allen größeren Bahnhöfen, Häfen, Flughäfen und eventuell noch wichtigen Einrichtungen des zu treffenden Landes. Das führt dazu, dass man aus Sicherheitsgründen schnell das rot-weiß gestreifte Band zieht und absperrt. Bäm. Das legt die Infrastruktur vielleicht nicht vollständig lahm, beeinträchtigt sie aber mitunter in größerem Ausmaß, wenn an vielen Orten gleichzeitig “Dinge hochgehen” respektive einfach nur rumstehen. Wenn man nicht nur einen Knotenpunkt aushebelt sondern mehrere Verbindungsstücke.
Verletzt wird dabei niemand. Es ist nur eine unterschwellige Bedrohung. Meinetwegen kauft man auf dem Flohmarkt auch paar alte Wecker, bunte Kabel und tut diese mit bissl Erde (Dünger) in die Koffer, damit es realistischer aussieht. Im Endeffekt ist es nichts anderes als Zeitdiebstahl, Verzögerung, Lähmung.
Die zudem vermutlich Arbeitsplätze schafft. Immerhin muss man dann ja (noch mehr) Kameras installieren, Sicherheitspersonal aufstellen, Kontrollen durchführen – Überwachungsstaat here i come.

Dass da weder Terroristen noch Herr S. drauf gekommen sind. Wie wäre es einfacher?! Und wozu auf die Terroristen warten, wenn man das Ganze doch von den eigenen Leuten machen lassen kann, die aus Authentizitätsgründen paar Koffer gezielt explodieren lassen (ohne dass jemand zu schaden kommt, versteht sich) um das als Aufhänger…

Oh man, ich sollte echt Terrorist werden. Oder in die Politik gehen.

Robby, *wusel* *wusel* *bumm*

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4 Responses to “Ameisengewusel”

  1. on 08 Jan 2008 at 13:32 Sven

    eigentlich sind raucher ja nicht nur selbstmörder, sondern selbstmordattentäter :o )

    beides sehr emotionale themen. rauchen und selbstmord. man kann es eigentlich beiden nicht vorwerfen, den selbstmördern und den selbstmordattentätern, dass sie solchen unsinn machen und andere damit gefährden. auf der anderen seite muss sich aber natürlich die gesellschaft – und der einzelne in ihr – schützen.

    es bleibt ein thema ständigen nachdenkens und permanenter diskussion :o )

  2. on 08 Jan 2008 at 18:37 Schaf

    Bei uns darf schon seit 1.8. nicht mehr in Gaststätten geraucht werden und das ist – meiner Meinung nach – wirklich das beste Gesetz, das je verabschiedet wurde. Stinken die Klamotten auch nicht mehr so – höchstens nach Essen oder Bier, das einem (versehentlich) übergeschüttet wurde…

    Besser vor die Bahn werfen und den Verkehr für einige Minuten bis Stunden aufhalten, als einen Bahnhof o.ä. mit den ganzen Leuten in die Luft zu sprengen, oder?

  3. on 08 Jan 2008 at 20:52 Robby

    @Sven: “Selbstmordattentäter” war auch das (dramatisierende) Wort, dass ich in meiner SMS verwandt.

    @Schaf: Bei uns haben sie’s auf 1.6 nach hinten verlegt…
    Was das vor die Bahn werfen angeht, so wird die Person wohl kaum vorgehabt haben, irgendjemandem (persönlich/direkt/überhaupt) zu schaden. War ja keiner mit umgeschnalltem Bombengürtel, der sich überlegt hat, statt seiner heiligen Mission zu folgen sich doch lieber vor den Zug zu werfen ;) :D

  4. on 09 Jan 2008 at 15:04 Schaf

    Das meint ich auch nicht. Nur, dass ICH lieber diese Wartezeit in Kauf nehmen würde – als anders eben.
    Hab ich vielleicht blöd formuliert. Sowohl in vorherigem als auch in diesem Kommentar…

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