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Es gibt keine Wölfe, nur Schafe. Schafe, die nicht zur Herde gehören wollen. Jene, die von der breiten Naivität, endlosen Dummheit und dem stupiden Grasfressen angewidert sind. Kleine, großäugige Wollknäul, welche mehr erwarten und mehr sehen – und vor allem wollen.

Und so tapsen derartige Felltiere alleine in den Wald, in der Hoffnung, dort ein Kleid zu finden, welches besser zu ihnen passt. Individuell auf sie zugeschnitten, machtvoll und heraushebend. Sie streifen durch die Dunkelheit, unwissend, was am Ende ihrer Suche steht, aber mit dem Willen zu finden. Und während das verlorene Schaf seinen Weg durch das finstere Dickicht fortsetzt, schütteln die Zurückgebliebenen auf der Weide nur die Köpfe und kauen weiter auf ihren grünen Grashalmen herum, wie sie es schon zuvor getan haben und auch in Zukunft tun werden. Manche sind vielleicht auch derart in ihre Graserei verfallen, dass sie das Fortgehen eines kleinen Schafes gar nicht bemerkt haben.
Und das Schaf läuft und läuft.

Auf seinem Weg macht es viele wunderliche Entdeckungen. Einige erfreuen sein Herz und bringen seine Augen zum Funkeln, so als würde sich die Sonne in kristallklarem Bergwasser spiegeln. Andere wiederum schockieren, verletzen und verängstigen es. Die Augen zu öffnen und eigene Wege fernab des freien Feldes zu gehen birgt seine Gefahren.

Mit der Zeit wird das ehemals weiche Fell des zierlichen Geschöpfs rauer. Die Haare verfärben sich, sind nicht mehr schneeweiß sondern dreckig-grau oder asche-schwarz. Das Schaf wird zum Wolf. Es hat in den tiefen Wäldern seine gewählte Bestimmung gefunden. Doch was bringt es, Wolf zu sein, wenn kein anderer es sieht, geschweige davon weiß?

Also macht sich das ehemalige Schaf auf den Weg zurück zu seiner Herde. Es trottet nicht mehr ungeschickt vor sich hin und droht, alle zwei Meter über seine eigenen Hufe zu stolpern. Er läuft kräftigen und machtvollen Schrittes.
Schon von Weitem bemerken die Schafe die Präsenz des Wolfes. Die verwegene und bedrohliche Aura, die ihn umgibt. Die weiße Masse setzt sich in Bewegung und flieht vor ihm.

Auch ein Wolf kann nicht alleine sein, zumindest nicht auf Dauer. Wölfe gibt es heutzutage wenige. Und wenn man eins der seltenen Exemplare trifft, muss man aufpassen. Sowohl auf sich, als auch auf den anderen Wolf. Wäre der Wolf berechenbar und ungefährlich, wäre er kein Wolf.
Also ist der Jäger gezwungen, sich zu verstellen. Das macht ihn (wieder) zu einem Schaf, wenn vielleicht auch ein schwarzes.

Egal was ein Schaf auch tut, es bleibt ein Schaf. Daran kann es nichts ändern, so sehr es auch das mag. Ein Wolfskostüm macht keinen Wolf, auch wenn es manchmal danach aussieht.
Oder um es mit anderen, vermutlich bekannteren Worten zu sagen: “Auch ein Zwerg auf Stelzen, bleibt immer noch ein Zwerg.”

Und so bleibt auch ein Mensch ein Mensch, so sehr er auch versucht etwas besseres zu sein. Die Abneigung gegen die menschliche Schwäche und die Verachtung der breiten Masse führt letztendlich auch zur Abneigung und Verachtung des eigenen Selbsts. Der Kampf gegen andere ist immer ein Kampf gegen sich selbst. Menschsein wird man nicht los, egal, wie sehr man es noch versucht. Jedes Streben nach Verbesserung und Perfektion ist vergebens, weil man ist und bleibt nur ein Mensch.

Ein Politiker stirbt genauso wie ein Handwerker, Obdachloser oder ein verhungerndes Kind. Vielleicht auf eine andere Art und Weise und vermutlich auch früher oder später – aber er stirbt. Die menschliche Existenz ist nichtig. Es ist egal, ob du Wolf oder Schaf bist – Hauptsache du stirbst.

Und da an dem Ende nichts zu ändern ist, kann man das Unmögliche versuchen. Das ändert zwar nichts, beschäftigt aber immerhin. Letztendlich kommt es für die Meisten eh nur auf den Schein an, nicht auf das Sein. Sonst wäre die Gesellschaft nicht so, wie sie ist. Dass Schafe vor Wölfen wegrennen, die gar keine sind.

Robby, unzufriedenstellend ausgedrückt…

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10 Responses to “Wie der Jäger sich jagt”

  1. on 07 Mai 2008 at 16:02 Schaf

    Nein, zufriedenstellend (=wirklich gut) ausgedrückt. *sprachloses Schaf bin*

  2. on 07 Mai 2008 at 23:23 Robby

    Danke, auch wenn du natürlich weißt, dass deine schmeichelhafte Meinung an meiner Selbsteinschätzung nicht nichts, aber auch nicht viel ändert.

  3. [...] vorgetragenen Texte waren “Ankündigung”, “Tödliche Frauen” und “Wie der Jäger sich jagt”. Ich denke, in Zukunft dürften auch persönlichere Texte tragbar sein, sofern diese [...]

  4. [...] wollte. (kann man schlecht hier wiedergeben, muß man lesen.) Im dritten und letzten Beitrag Wie der Jäger sich jagt wurde es dann wirklich etwas philosphisch – in einer Art Gleichnis, in dem er die menschliche [...]

  5. on 19 Mai 2008 at 19:24 Wolkenmädchen

    Wahnsinnig toller Text – ehrlich!

  6. on 20 Mai 2008 at 18:54 Robby

    Öhm, danke *unschuldig dreinschau*

  7. [...] mit Durchschnittlichkeit habe ich ein Problem. Das ich dennoch maximal durchschnittlich bin, zeigt sich unglücklicherweise oft genug. Das ist traurig, aber nicht zu [...]

  8. [...] kenne (also den Rob), gibt es nichts zu meckern. Auf der letzten Bloglesung in Jena war Rob mit seinem Text für viele eine große positive [...]

  9. [...] Ich trete auf der Stelle. Das Tor geht aber erst auf, wenn einer von vier Schlüsseln4 sich im Schloss dreht. Bis dahin heißt es warten. [...]

  10. [...] narcism and I unter anderem hier erwähnt [↩]“Wie der Jäger sich jagt” ist ja eine von mehreren bewussten Ausführungen und Versuchen zu dieser Problematik und auch [...]

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