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Informationskollaps

Ich war heute in der Bibliothek. Das ist für sich schon erwähnenswert, ist vermutlich jeder Bachelorstudent in seinem ersten Semester dort bereits häufiger gewesen als ich in meiner gesamten Studiumslaufbahn.

Nachforschungen für das Expertise-Seminar der forschungsorientierten Vertiefung Sozialpsychologie. Nachdem ich mit meinen, nur bedingt befriedigenden, OPAC- und Internetrecherchen fertig war, verließ ich den wissenschaftlichen Internetarbeitsplatz auf der ersten Etage und verschwand mit meinem Ortzettel in den Regalwänden. Dummerweise waren die Werke, die ich suchte, nicht da und den Artikel, den ich fand, war nur bedingt für mich geeignet.

Es war fünf nach drei, mein Zug würde in einer halben Stunde fahren. “Zurück an den Rechner und noch was nachgucken?” und “Einfach bisschen in den Magazinbüchern rumblättern und gucken, ob du etwas findest.” lauteten meine Überlegungen. Keiner der beiden folgte ich.
Ich ließ mich sinken, auf einen dieser grauen Plastikhocker, die dafür da stehen, dass man auch an die Bücher in den oberen Regalreihen rankommt.

Und so saß ich dann zwischen Sammelbänden verschiedenster Zeitschriftenausgaben, chronologisch geordnet. Inmitten dieses Bücherbollwerks, das jedes Geräusch in sich verschluckte. Ich ließ meinen Kopf in den Nacken fallen, gegen eine Reihe “Journal of Personality and Social Psychology”, und schaute hinauf in den Himmel. Bücher.

Ich frage mich, wen all diese Informationen interessieren. Viel mehr noch, wer all diese füllenden Inhalte erst produziert. Sammlung von Studien und Forschungen, die Unsummen an Ressourcen gefressen haben und in einer einsamen Reihe am Ende der Bibliothek versauern. Interessieren tut das keinen, außer vielleicht den leidlichen Studenten, der im Zuge seines Studiums sich eines dieser unzähligen Bücher herausgreift in der Hoffnung dort eine Studie zu finden, die ihn irgendwie weiterbringt. Weiterbringt, obwohl er stehen bleibt – nur jetzt mit dem Buch in der Hand.

Pro Jahr kommen in Deutschland etwa 40.000 Bücher auf den Markt. Fragt mich bitte nicht nach der Quelle, habe ich irgendwo mal gelesen oder gehört. Und selbst wenn es nur die Hälfte wäre, bliebe die Frage, wer das alles lesen und verarbeiten soll. Zusätzlich zu den alltäglich neu erscheinenden und sich verändernden Informationen. Der Mensch – oder besser: der Anspruch an diesen – geht nicht nur höher, schneller, weiter, er wird auch immer spezialisierter. Das mag zwar gut für den Fortschritt sein, geht aber auf Kosten der Flexibilität. Fachidioten nennt man solche dann – und das muss nicht einmal beleidigend sein. Und selbst ich bin schon einer, auch wenn ich vom Fach wohl nicht so viel Ahnung wie andere habe – bleibt immerhin noch der Idiot.

Und diese Idiotie führt dazu, dass sogenannte Experten und Spezialisten weitere Bücher mit Inhalten füllen, die eigentlich keinen Menschen interessieren und kein Mensch braucht. Und diese stehen dann in und zwischen den Regalen. Beide. Mit der Notwendigkeit, noch höher, schneller, weiter zu kommen, noch spezialisierter zu werden.

Irgendwie erinnert mich das an die immer zärtere Verästelung des Baumes oder des menschlichen Blutsystems. Immer feiner und schmaler werden die Entwicklungsverläufe, je weiter man nach außen kommt. Nur noch ein schmales Stück Holz, auf dem man – und sein Wissen – Platz findet.

Ich denke man – die Gesellschaft/Menschheit – muss aufpassen, dass sie damit nicht ihrem Stamm das Wasser abgräbt. Wenn der Druck und die Spannung im starken Zentrum fehlen, tragen die weitentwickelsten Triebe keine Früchte.

Robby, fall out me

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3 Responses to “Informationskollaps”

  1. [...] die folgenden Gedanken an die vorherigen anknüpfen und in einem Zustand der Verachtung und Angewidertheit gefasst wurden, sei Leuten [...]

  2. on 10 Dez 2008 at 20:48 Ingo

    …gewissermaßen als paradoxe Interventionsstrategie könnte ich Dir vielleicht empfehlen, der Bücher- bzw. Informationsflut mit einer eigenen Buchveröffentlichung zu begegnen. Dazu einfach noch einen passenden Titel ausdenken (vielleicht ´was mit “impact”?) und schon für schlappe 39,90 Euro veröffentlicht – inklusive ISBN-Vergabe (ist kein Witz, sondern eine gerade aktuelle Tchibo/BoD-Werbeaktion unter http://www.tchibo.de/Tipp?id=TCHIBOPLUS_KW4808&B=1000&S=681).
    Na, wie wär´s? :ugly: *fg*

  3. on 10 Dez 2008 at 21:25 Robby

    Das wäre ehrlich gesagt das Dümmste, was ich machen kann :ugly: (die Möglichkeiten mit BoD hatte ich mir letztens – allerdings nicht für mich – angeschaut)

    Das Internet ist ja eigentlich noch viel schlimmer als die Büchergeschichte. Jeder Spacken – allen voran oder zumindest darunter auch ich – schreibt seinen Scheiß ins Internet und wartet darauf, dass irgendjemand auf ihn reagiert. Oder auch nicht, im Normalfall tut das aber mindestens ein Teil in der jeweiligen Person, wie groß er auch sein mag.

    Der Vorteil vom Internet: Man sieht den Scheiß nicht, wenn man ihn nicht sehen will (Bücher in der Bibliothek sieht man ;) ) und muss sich nicht mit dem Stuss von anderen Menschen auseinandersetzen. Im Zuge des Studiums ist das unausweichlich. Nicht unbedingt schlecht, aber einfach ineffektiv. Wozu brauche ich fünf Bücher, wenn in allen zu 90% das Gleiche drin steht? Nur damit der eine Sack mehr Geld macht als der andere? Wenn sie wenigstens lerntypenspezifisch wären oder ähnliches, aber den gleichen Scheiß in anderer Verpackung… schlimm genug, dass mir das bei manchen Therapieverfahren teilweise so vorkommt und man nicht einfach alles “Gute” zusammenwirft.

    Ein Buch veröffentlichen… dazu fehlt es an Inhalt und Qualität.


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