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Sex als Mittel zum Zweck

Was für andere die Zigarette ist, ist für mich das Denken. Und so stand ich die Tage am Bahnhof, schaute umher und stellte in meinen Überlegungen und Vorstellungen fest, dass eine pornoröse Nummer im Zug nichts für mich wäre. Sie würde mir nichts bringen. Sich im wackligen Zug einen abzurammeln, oh mein Gott, wie nötig muss man es haben.1 Das hängt natürlich davon ab, welchem Stellenwert und welche Bedeutung man dem Sex zuschreibt. Und was an ihm belohnend ist.

An dieser Stelle möchte ich aus dem Buch “Und Nietzsche weinte” von Irvin D. Yalom zitieren. Ein Statement, welches ich neben vielen anderen äußerst gelungend und treffend finde:

“Das Problem besteht also nicht in der Existenz der Sexualität, sondern darin, dass diese etwas anderes zum Verschwinden bringt – etwas weit Wertvolleres, unendlich viel Kostbareres! Lust, Erregung, Wollust – sie verklaven!”

Und etwa einhundert Seiten später und vielleicht sogar das bessere und passendere Zitat:

“Ich träume von einer Liebe, bei der zwei Menschen durch einen gemeinsamen höheren Durst nach einem über ihnen stehenden Ideal verbunden seien. Doch vielleicht ist Liebe dafür nicht das treffende Wort, vielleicht wäre der rechte Name Freundschaft.”

Sogesehen macht Sex – vereinfacht gesagt – nur Probleme. Ich meine, Kriege wurden deswegen angezettelt, Troja belagert und beste Freunde werden zu Feinden. Von Schmerz, Leid, Eifersucht, Minderwertigkeitsgefühlen etc. mal ganz abgesehen. Und kleine Kinder machen ja auch nicht immer Spaß.

In meinen Augen gibt es nur zwei Gründe für Sex: Trieb und Befriedigung.
Was meine Triebe angeht, bin ich froh sie unter Kontrolle respektive sie nur in niedriger Ausprägung vorliegen zu haben. Fernab sexueller Animalität. Und ja, ich sehe das als Höher- beziehungsweise Weiterentwicklung an. Nicht mich kontrolliert der Trieb, sondern ich ihn.2 Und für die Erfüllung dieses Triebbedürfnisses brauche ich keine zweite Person.

Was die Befriedigung angeht, so kann man wohl zwischen direkter und indirekter differenzieren. Selbstverständlich braucht es nicht den drückenden Trieb, um Sex zu haben. Geht ja auch so, zum Spaß. Der Sex selbst ist der Zweck, die Befriedigung entsteht durch körperliche Reibung und Stimulation. Dopaminausschüttung, Belohnung, Konditionierung und Selbstverstärkung. Und da scheint bei mir was gestört zu sein. Und auch dafür bin ich äußerst dankbar. Ein Orgasmus ist nicht unbedingt ein Orgasmus. Nur weil man physisch kommt, tut man es auch nicht automatisch geistig. Und wenn man geistig nicht kommt, gibt es keine Belohnung und man zieht Alternativen wie intelligente Gespräche, Ästhetik oder gute Bücher und Musik vor, die das Kribbeln liefern. Genial.

Bliebe der indirekte Weg, der Sex als Mittel zum Zweck. Zieht man nämlich die eigene Befriedigung aus der (ganzheitlichen) Befriedigung eines anderen Menschen, ist Sex keine zu verachtende Option. Im Gegenteil. Die Belohnung erfolgt durch die sexuelle Befriedigung. Allerdings nicht durch die eigene, sondern die des Partners. Das macht die Sache nicht minder egoistisch, ist allerdings auf die Interessen und das Wohlbefinden des Gegenübers ausgerichtet. Das macht den Unterschied zwischen Typen, die ihn einfach nur wegstecken um zu kommen und jenen, die die Frau fokussieren und durch sie und dank ihr kommen. Im Endeffekt haben alle Sex, und vielleicht ist es auch nur das, was zählt. Im Idealfall mit dem passenden Gegenüber. Aber… ach, Moral, Edeltum und subjektive Höherwertigkeit interessieren ja eh keinen.

Ich glaube es gibt nichts befriedigenderes als einen anderen Menschen zu befriedigen.3 Und das muss nicht mal sexuell sein.

Robby, (Fehl-)Programmierung?

  1. Eigentlich geht mir “wie primitiv muss man sein” durch den Kopf, aber der Satzteil würde wohl unnötig viele Armwedler auf den Plan rufen. Ich meine, jedem das seine. Andere halten mich für übertrieben arrogant und überkontrolliert, ich sie mitunter für primitiv. Ich kann damit leben. Gefallen oder gutheißen muss ich es dennoch nicht. []
  2. Ein Hoch auf geistige Selbstbestimmung. []
  3. Was Selbstbefriedigung auch gleich doppelt so gut macht :D []

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7 Responses to “Sex als Mittel zum Zweck”

  1. on 01 Jul 2009 at 20:57 Man in Metropolis

    Ein toller und interessanter Artikel. Und vor allem ein spannender Gedankengang.

    Ich denke, man könnte Sex und alles was damit zusammenhängt auch als eine Art von Ventil betrachten.

    Er ist entspannend. Wenn man erst einmal weiß was man will und was man braucht. Ich habe dabei eine Menge über mich selbst gelernt.

  2. on 01 Jul 2009 at 21:01 Robby

    Danke :D

    Ein Ventil, wenn man den Trieb betrachtet, ja. Sofern man ihn nicht anderweitig kompensiert (Sport, Arbeit, whatsoever). Wenn man aber kein Ventil braucht, ist Sex oder kein Sex quasi egal. Zumindest was diesen Zweck anbetrifft. “Selbstbestätigung” ist ja eher ein Plus und weniger eine (andauernde) Notwendigkeit. Oder gibt es einen Selbstbestätigungstrieb *grübel* Hmm, Profilierungszwang und so *grübel*

    Naja, spannendes Thema und ich denke, da wird in den “nächsten Jahren” wohl noch einiges zu kommen :ugly: :D

  3. on 01 Jul 2009 at 21:10 Man in Metropolis

    Wenn mir die Anmerkung erlaubt ist, löse Dich mal von der akademischen Sicht der Sache. Die Kunst ist los zu lassen und die Dinge laufen zu lassen. Sich darauf einlassen.

    Ich habe mehr als 10 Jahre gebraucht, um zu erkennen, wie ich ticke. Und ich war mehr als überrascht.

  4. on 01 Jul 2009 at 21:52 Robby

    Sicher ist sie das, und du bist nicht der Erste, der genau das sagt. Wohl eine Kunst, die man bzw. ich erst lernen muss. Aber kommt schon, früher oder später. Ab 23, wie gesagt ;) :D

  5. on 14 Jul 2009 at 21:59 Wolkenmädchen

    Sex ist gleichzeitig aber auch die engste,körperliche Nähe die man miteinander teilen kann. Sex mit der großen Liebe seines Lebens zu haben ist doch viel mehr als bloße Befriedigung. Es ist die Komplettierung der geistigen Verbundenheit, das Gegenstück. Irgendwie bleibt doch eine “gute” Beziehung ohne Sex wie ein riesiges Puzzle, dem immer ein Teil fehlen wird. Meine Ansicht. Ich hab schon von vielen Menschen gehört, die Jahre miteinander geteilt haben und Sex als unnötig empfunden haben. Sie gaben vor “auf einer höheren ebene mit dem partner zu kommunizieren – das reiche” ich glaube, dass man sich damit in die eigene tasche lügt. denn wenn man einen menschen will, dann doch mit haut, seele und haaren.

  6. on 14 Jul 2009 at 23:57 Robby

    Ich stimme dir vollkommen zu.

  7. on 11 Jun 2012 at 20:52 Jörg

    Auf diesen Text “muss” ich – trotz seines Veröffentlichungsalters – antworten.

    Als Erstes muss ich sagen, dass der Text klasse geschrieben ist – ehrlich, selten gibt es Leute mit solch einer eloquenten sowie präzisen Schreibweise.
    Darüber hinaus kann ich dem Text größtenteils beipflichten; es gibt andere Dinge (wie, etwa das, des Denkens), wohingegen Sex alt aussieht.
    Befriedung liegt im subjektiven Auge des Betrachters.

    Der letzte Satz bringt es definitiv auf den Punkt.

    Gruß
    Jörg


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