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Tod, Beerdigung und Leben

Die zweite Beerdigung meines Lebens. Ich möchte nicht sagen, es wäre mir egal gewesen. Aber wenn man zu einem Menschen seit Jahren keinen Kontakt und noch weniger eine Beziehung hat, ändert selbst die Tatsache der genetischen Verbundenheit nichts an der – so hart es klingt – Irrelevanz. So unwichtig also diese Veranstaltung heute war, so gewinnbringend war die Möglichkeit mal wieder über das Thema Tod nachzudenken. Über besagte Erkenntnis, dass Blut nicht automatisch Bande bedeutet und sich die verwandtschaftliche Bedeutung wohl spätestens nach zwei Generationen verliert. Natürlich war sie meine Ur-Oma, natürlich habe ich einige Kindheitserfahrungen bei ihr gemacht und erlebt, aber so böse es klingt: Sie spielte keine Rolle in meinem Leben. Oder zumindest keine, der ich eine eklatant wichtige Bedeutung beimesse.

Darüber hinaus fehlte die physische Bindung, als dass der Körper mit Trauer über ihr Verschwinden hätte reagieren können. Wichtig: Körper. Es gibt essentielle Unterschiede, ob der Körper nur aufgrund von Konditionierungsprozessen und dergleichen frei dreht, oder die Trauer dem Geist beziehungsweise der Seele entspringt. Selbst die basiert vermutlich auf den selben Prozessen, wird aber anders bewertet und fühlt sich auch anders an.

Und so wohnte ich also auf Wunsch meiner Mutter der Veranstaltung bei, die mehr den Lebenden bringt und bedeutet als den Toten. Was heißt mehr: ausschließlich. Das Aufrechterhalten der Illusion, dass das Leben einen Sinn, eine Bedeutung und irgendeinen Zweck hat. Dass sich irgendjemand an die eigenen Taten erinnert und man nicht tot ist, obwohl man gestorben ist. Man weint nicht um den Verstorbenen, man weint um sich selbst. Ein Schauspiel mit Spielern, die in ihrer Rolle gefangen sind und nicht aus ihr heraus können.

Der Pfarrer war stimmlich und ausdruckstechnisch etwas blass. Zudem habe ich festgestellt, dass ich – sollte ich in naher Zukunft sterben – auf diesen Gottesscheiß verzichten kann. Nichts mit ewigem Leben, Reich Gottes oder erfülltem Leben. Game Over – das Spiel ist einfach aus, have a better try. Sollte man derartiges nach meinem Tod veranstalten, möchte ich bitte keinen teilnahmslosen, da persönlich nicht betroffenen Pfarrer, sondern einen guten Freund für die letzten Worte. Jemanden, der mich kannte und die richtigen Worte zu finden weiß – oder sie zumindest sucht. Keine Kirchenlieder, sondern irgendetwas gefühlvolles, harmonisches. Irgendetwas in meinem Sinne und nicht dem der Hinterbliebenen. Etwas, das begeistert und fasziniert. Ein emotionales Feuerwerk, dass die Zuschauer zum Zittern bringt.1

Einer der wenigen Zwecke ist vermutlich das familiäre Zusammenfügen. Familienteile zu sehen, die man vielleicht seit Jahren nicht gesehen und zu denen man auch sonst keinen Kontakt hat. Etwas, das vor allem stammesgeschichtlich enorme Vorteile brachte.

Ich will nicht sagen, ich stand zynisch lächelnd am Rand, aber zum Teil zumindest beobachtend. Solche Momente sind interessant, um das Wesen des Menschen besser zu verstehen. Oder es zumindest zu versuchen. Am bemerkenswertesten war noch die Geschichte meiner Ur-Oma. Mit zwanzig geheiratet und das ganze Leben über mit ihrem Mann zusammen geblieben. Später bis zur Rente in der selben Firma. Unvorstellbar, so etwas ist heute wohl kaum noch möglich. Das ist schon… extrem.

Beim anschließenden Kaffee-Geplänkel habe ich mich dann überraschender- und erstaunlicherweise sehr gut unterhalten. Angefangen vom Studium über meine Meinung zu “Wie man heute richtig lernen kann” bis hin zum Leben. Ich muss zugeben, ich stehe ja ein bisschen auf intelligente, erfahrene und denkende Frauen. Im Gegensatz zu ihren jüngeren Pendants fehlt hier nämlich der potentiell-sexuelle Aspekt. Das macht vieles einfacher und fokussierter.

Hat sich also doch gelohnt und war dann sogar etwas schade, dass wir das Gespräch abbrechen mussten. Hab ihr aber einfach mal meine Blog- und E-Mailadresse aufgeschrieben und bekomme vielleicht nicht erst in zwanzig Jahren noch den ein oder anderen Impuls.

Robby, schauen wir mal

  1. Und bitte fangt nicht an zu weinen. Freut euch, dass ich da war und das es zu Ende ist. Kopf hoch und straight forward. []

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4 Responses to “Tod, Beerdigung und Leben”

  1. [...] Vom Leben gebloggt… » Blog Archive » Tod, Beerdigung und Leben [...]

  2. on 14 Aug 2009 at 15:47 Schaf

    Hm… auch im Juli verstorben? Wenn ja, war das definitiv der Todes-Monat… einige Verwandte von Freunden sind gegangen…

    “Und so wohnte ich also auf Wunsch meiner Mutter der Veranstaltung bei, die mehr den Lebenden bringt und bedeutet als den Toten.”
    Darüber habe ich mir letztens auch Gedanken gemacht – für wen wir eigentlich zur Trauerfeier gehen. Wenn ich den Menschen länger nicht gesehen habe, dann gehe ich seinetwegen. Um Abschied zu nehmen. Aber da ich mich im aktuellen Fall nun schon die “Hinterbliebenden” besucht habe, scheint mir die Teilnahme an der Trauerfeier weniger verpflichtend.

  3. on 14 Aug 2009 at 15:55 Robby

    Anfang August. Und Menschen sterben immer, Tag für Tag. Die Frage ist nur, ob man sie kennt/mit ihnen zu tun hat.

    Naja, im Endeffekt geht man wohl nur für sich selbst. Die Trauerfeier bringt dem Toten ja nichts. Es ist wohl eher ein Kompensationsmechanismus, ein Bewältigungsschritt und eine sozial-kulturelle Notwendigkeit. Zumindest hatte ich irgendwann mal gelesen, dass die Trauer – beim Abschied jedwelcher Art – wichtig ist, um das soziale Gefüge zu erhalten und dass man sich freut, wenn jemand wieder kommt etc. Sogesehen auch ein Motivator, den Kontakt und die Verbindung zu anderen Menschen abbrechen zu lassen. War vermutlich vor allem früher im Zuge der Bedeutsamkeit/Herausforderungen des Überlebens noch wichtiger.

  4. on 14 Aug 2009 at 19:31 Schaf

    Klar, die Todesanzeigen in den Zeitungen sind nicht weniger geworden. Aber im Juli hörte ich eben häufig im Bekanntenkreis von Todesfällen.


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