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Von nett zu ambivalent

Bei geistiger Betrachtung meines sozialen Umfeld stellte sich mir neulich die Frage, ob das eigentlich schon immer so, beziehungsweise wie es früher war. Um den Status Quo zu erläutern, so ist zu sagen, dass ich einen kleine Zahl Freunde habe, die sich unterschiedlich nah in meinem Radius platzieren lassen – und es das eigentlich war. Natürlich habe ich auch mehr oder minder gute Bekanntschaften, aber auf derartig flüchtige Beziehungen kann ich eigentlich verzichten. Die Menschen, mit denen ich etwas zu tun habe, möchte ich persönlich kennen lernen. Ihre Gedanken, Gefühle, Ansichten und Meinungen. Leute kennen um des Kennen willens ist mir zuwider. Ich möchte Menschen, mit denen ich mich verstehe – und das auf einer möglichst hohen Ebene.

Laufe ich mein Leben ab, so lässt sich feststellen, dass ich in jungen Jahren vielleicht nicht der Schwarm, aber durchaus beliebt war. Ich möchte jetzt nicht von Mustersohn oder –enkel sprechen, aber ich war vorzeigbar, höflich, aufmerksam und vermutlich auch charmant. Ich hatte wohl eine freundliche, neugierige Wachheit, die zu begeistern wusste.

Die frühe Schulphase – ich möchte nicht sagen problemlos, aber sieht man von diversen Mobbingversuchen1 einzelner Individuen einmal ab, hatte ich auch dort einen mehr als guten Stand.

Ich weiß gar nicht, ob es da schon Klassensprecher gab, aber diesen Posten hatte ich dann auf jeden Fall am (ersten) Gymnasium inne. Ich stand in der achten Klasse sogar mit zur Wahl des Schülersprechers auf der Bühne, was man mir keine Stunde im Zuge der Nachwuchsförderung vorschlug und ich weder darauf eingestellt noch vorbereitet war. Dementsprechend wurde ich kleiner Stift auch nicht gewählt.

Der große Umschwung, wenn man ihn so nennen mag, kam wohl im Zuge der Pubertät. In dieser Phase fängt es an, dass ich auf Fotos nicht mehr lache. Entscheidendes Erlebnis war unter anderem der unqualifizierte Kommentar des Lehrers der Computer AG2 in Bezug auf meinen Ausdruck auf einem Foto. Ich glaube, seitdem kann ich den Großteil meiner Ablichtungen nicht mehr sehen.
Viel schlimmer aber war: Ich fand mich hässlich. Ich fand mich wirklich hässlich. Vor allem im Vergleich zu meiner kindlichen Schönheit3 ein radikaler optischer Bruch.

So war ich ab der Pubertät dann also hässlich und hatte auf Fotos nichts mehr zu lachen, weil es scheiße aussah. Immerhin, und das sehe ich als großer Gewinn, stellte ich schon damals fest, dass die Optik zweitrangig ist. Ich will jetzt nicht sagen „Schönheit kommt von innen“, denn das tut sie zwar auch, aber nicht nur. Doch zum damaligen Zeitpunkt war diese Ansicht oder Erkenntnis ganz förderlich. Nicht nur wegen meiner subjektiv wahrgenommenen Entstellung, sondern weil ich trotz dessen immer noch akzeptiert wurde und eingebunden war.

Der Wechsel auf den Spezialschulteil. Ich denke, dort war ich immer noch lieb und nett. Vermutlich sogar „Auf jeden.“. Gut, eine Vielzahl der Gestalten war eigen, so dass man nur mit Wenigen gut auskam, irgendwann die feste Zahnspange4, der anhaltende Misserfolg bei Frauen, aus dem ich stetig lernte und die Tatsache, dass man von der Speerspitze der Klassenleistung in die Mitte des Schafts rutschte und anfangs einen radikalen Einbruch5 erlebte. Alles in allem bleibt wohl zu sagen: Ich blieb nett und naiv.

Studium. Die Uni war wohl der erste wirkliche Schritt in Richtung Wirklichkeit. Extreme Schüchternheit und Zurückhaltung wurden als Arroganz interpretiert. Zumindest wurde mir das mitgeteilt, als ich das Bild durch Selbstöffnung kippte. Wobei das schon am Ende des ersten Semesters war. Die im Winter gemachten Erfahrungen, das Aufeinandertreffen der robbyischen Vertrauensseligkeit und bitteren Realität, sind wohl als entscheidender Wendepunkt in meinem Leben zu betrachten. Der Bruch der Illusion und die seelenlose Leere. Der Übergang aus der ersten Naivität in das Nichts dazwischen. Zumindest würde ich es heute so bezeichnen. Die Zeit, in der ich wirklich angefangen habe zu bloggen und mich mit der Welt und dem Leben auseinanderzusetzen. Der Beginn einer neuen Ära, die ihren Preis hatte.

Denn seitdem bin ich nicht mehr nett. Zumindest nicht mehr nur. Es war das – soweit man es so nennen kann – Erkennen der wirklichen Welt. Und in dieser haben nette Menschen nichts verloren. Das Leben ist kein Ponyhof und wer nur nett ist, zerbricht. Oder findet seine glückselige Nische. Und zerbricht später. Oder lebt glücklich und zufrieden bis an sein Lebensende.
Mein zynisches, menschenverachtendes Ich begann sich zu entwickeln. Das egoistische Arschloch, das in erster Linie an sich selbst denkt und dem andere Menschen vollkommen egal sind. Vermutlich kam seitdem auch diese unangenehme Überheblichkeit und Arroganz zu tragen, zumindest in dem Maße.

War ich früher nur nett – und war das neben anderen Faktoren wohl ein Grund für meinen Misserfolg bei Frauen, zumindest auf beziehungstechnischer Ebene – bin ich mittlerweile nett und ein arrogantes Arschloch. Nach außen hin vermutlich sogar mehr letzteres. Abgeschottet und selbstschützend, niemanden an mich heranlassend. Und selbst jene in meiner (emotionalen) Nähe können sich manchmal wohl nicht ganz sicher sein.

Wie meinte eine der interessanten Damen aus dem studivz einmal sinngemäß: Ich hätte eine gefährliche und gleichzeitig ebenso verletzliche Ausstrahlung.6 Ich ziehe an und stoße ab. Das führt dazu, das man mich entweder liebt oder hasst – fasziniert ist oder mich nicht abkann. Manchmal vielleicht auch beides. So eine Art Hass-Liebe.7

Blicke ich in die Zukunft, so lautet das Ziel selbstverständlich zweite Naivität. Mehr Freundlichkeit ausstrahlen. Anderen Menschen erst einmal die Möglichkeit geben an einen ranzukommen. Arrogant abblocken kann man sie dann immer noch.

Aber ehrlich gesagt: Ich mag die Ambivalenz. Die macht erstens interessant und zweitens nicht so leicht einordnen- und einschätzbar. Nicht, dass ich unberechenbar wäre. Aber eben nicht nur nett. Und das ist schon viel wert, auch wenn die richtige Balance erst noch gefunden werden muss.

Robby, Zugfahrt vorbei8

  1. So würde es wohl heute heißen. []
  2. Oder wie das hieß. []
  3. Und ich war wirklich ein schönes Kind. []
  4. OMFG. []
  5. Von 1,2 auf 2,0. []
  6. Die E-Mail mit genauem Wortlaut konnte ich leider nicht finden… []
  7. *grübel* Es hassen jemanden zu lieben, aber doch nicht umhin kommen. Ich finde, das hat was. []
  8. War ich die knappen zwei Stunden wenigstens beschäftigt ;) :D []

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