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Kippschalter

Gründe und Anlässe für Einträge wie diese sind alles andere als schön und angenehm. Die Erkenntnisse, die man aufgrund dessen gewinnt, wiegen das allerdings fast schon wieder auf.

Nehmen wir als Ausgangspunkt diesen Eintrag, “Mustergefängnis”. Dort steht geschrieben, dass ich zu jenen Menschen gehöre, die vorrangig auf die Bedürfnisse anderer und deren Erfüllung achtet. Man selbst kann ja ruhig unter den Tisch fallen, dafür verfüge ich ja über eine entsprechend hohe Frustrationstoleranz.

Nun ist es aber so, dass auch ich Bedürfnisse habe1 und jeder Toleranzbereich irgendwo seine Grenzen hat. Und da wird es interessant, da ich ab diesem Zeitpunkt nicht mehr einstecke, sondern austeile. Das allerdings auf eine, ich möchte fast sagen perfide Art und Weise, die, wenn man sich ihrer bewusst ist, eigentlich nahezu untragbar ist.

Vereinfacht gesagt Liebesentzug.2 Ich bekomme trotz “persönlicher Aufopferung” nicht das, was ich möchte/verdiene/brauche? Alles klar, schalte ich doch vom Bedürfnisbefriedigungsmodus in den “Ich ignorier dich, deine Bedürfnisse, kapsel mich und blocke alles ab”-Modus, mit dem (eigentlich unbewussten) Hintergrundgedanken “Vielleicht merkst du ja jetzt (wo deine Bedürfnisse nicht mehr befriedigt werden), dass du “irgendwas falsch gemacht hast” (respektive mir etwas fehlt/du meine Bedürfnisse nicht erfüllst). Sogesehen bekämpft man Bedürfnisnichtbefriedigung mit Bedürfnisnichtbefriedigung, mit dem Unterschied, dass man den anderen runterreißt, während man selbst vorher schon am Boden stand.

Doch damit mitunter noch nicht genug. So wie Empathie einen nicht nur Freude miterleben lässt, kann man sie nicht nur für gute Zwecke verwenden. Wenn man fühlt, was der andere braucht, offenbaren sich einem auch seine Schwachstellen. Zu gewissen Teilen mag das sogar identisch sein, wenn nicht gar vollkommen. Jedenfalls kann mit dem Wissen nicht nur zielgenau Bedürfnisse befriedigen und das Treffen wunder Punkte vermeiden, sondern auch ordentlich mit dem Seelenschnitter reingehen. Es macht dabei einen eklatanten Unterschied, ob man nur das Pflaster abreißt oder zusätzlich noch den Finger in die Wunde steckt. Sprich Bedürfnisbefriedigung zu nehmen ist das eine, die Angriffspunkte darüber hinaus zu berühren das andere.

Problematisch wird es dann, wenn einem die andere Person eklatant wichtig ist und man sich seiner eigenen Reaktionsmuster und Verhaltensgründe bewusst ist, dass man kurz vor Durchführung seines absurden Verhaltens fast darüber lachen muss. Ersteres reflektiert den Schmerz auf einen selbst zurück, letzteres macht das eigene Vorgehen regelrecht widersinnig.

Jetzt könnte man sagen “Junge, red doch einfach darüber und sag was du brauchst.”. Das bringt aber nichts, scheint sich die Gegenseite oftmals zu sagen “Och, schön, dass du mir das sagst. Ändern brauche ich trotzdem nichts, immerhin bist du ja der Bedürfnisbefriedigungsboy und kommst von alleine wieder an. Du kannst doch froh sein, dass du mich glücklich machen kannst. Was willst du mehr?”.

Gut, zum Schutze der anderen muss ich sagen, dass es durchaus Personen gibt, die auf eine derartige Offenheit angemessen und sich zuwendend reagieren. Aber auf so ein Wohlwollen kann man sich keineswegs verlassen, zudem macht man sich wieder angreif- und verletzbar und gibt es außer der kooperativen Grundhaltung keinen Grund. Schmerz oder Leid ist ein guter Motivator. Weder nett, schön oder angenehm, aber oftmals zielführend. Ich meine, das weiß jede sexuell gewandte Frau, die bei einem Blowjob kurz vor dem Höhepunkt inne hält und bei den meisten wohl nahezu alles verlangen könnte, nur um sie von ihrem Leiden zu erlösen. Was in diesem Kontext als lustvolles Machtspiel – im wahrsten Sinne des Wortes – ausgekostet wird, funktioniert anderorts genauso, nur eben vor einem anderem Hintergrund und ohne Lust.3

Wie dem auch sei. Kein schönes Verhalten, kein schöner Automatismus, aber einen, den ich sowohl dämpfen, als auch erklären kann. Im Idealfall während er läuft4, spätestens danach. Ich möchte nicht sagen, das macht es besser, aber es ist zumindest mehr als wohl die meisten Menschen von sich behaupten können. Denn das ist alles andere als angenehm und einfach. Zumindest für mich.

Randbemerkungen:

  1. So ähnlich lässt sich wohl auch Borderline erklären.
  2. Wäre ich nicht so intelligent, resilient, reflektiert oder was auch immer, wäre ich entweder schon tot oder säße schon lange in der Psychatrie. Oder hätte jemanden umgebracht.
  3. Bricht man das alles wieder auf Autonomie und Sicherheit herunter, kann man durch andere ausgelöste Unsicherheit reagieren, indem man a) wartet, bis der andere von sich aus wieder Sicherheit gibt, b) selbst Unsicherheit beim Gegenüber induziert und pokert, wer zuerst bricht und Sicherheit beim anderen wiederherzustellen versucht oder c) dem anderen Sicherheit gibt. Letzteres unter der Annahme, dass sich der Gegenüber selbst (“zuerst”) unsicher fühlt, ersteres, wenn man davon ausgeht, dass es ein vom anderen ungewollter und kurzfristiger Zustand ist. Natürlich sind das nur Extrempole/Prototypen und liegt die Wahrheit irgendwo zwischen allen, aber ich finde das recht plausibel. Korrelierende Störungsbilder für a bis c in Reinform ließen sich wohl finden.
  4. Sollte mir jemand mit der Anspannung begegnen: Bitte nicht anfassen. Die meisten würden mich wohl an der falschen Stelle berühren und eine Entladung auf sich ziehen, die jeden Blitz in den Schatten stellt. Und selbst, wenn ich mich selbst dazwischen stelle und einen Teil dämpfe und abfange, wäre das wohl immer noch mehr als gesund wäre.

Robby, zwischen den Zeilen

  1. Oh Wunder! []
  2. So habe ich das übrigens wohl auch in meiner Kindheit als erlebt und entsprechend gelernt. []
  3. Und übrigens auch bei Frauen. Kurz vor deren Höhepunkt aufzuhören verärgert auch sie. Und intensiviert den Orgasmus. Aber das nur am Rande #Bildungsexkurs []
  4. Das geht vor allem bei Emails sehr gut. []

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One Response to “Kippschalter”

  1. [...] noch schwer genug. [↩]Mehr und mehr. [↩]Damit zusammenhängende Einträge sind “Kippschalter” und “Mustergefängnis”. [...]


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