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Liebe

Liebe – ein Thema, das wohl mein Leben bestimmt. Ein Begriff, der mir regelrecht zuwider ist. Zumindest, wenn ich ihn so verstehe, wie ihn meiner Meinung nach die meisten Menschen verwenden.

Demnach ist Liebe etwas geheimes, mystisches und unerklärbares. Etwas, das die Kontrolle und den Verstand aufs Äußerste aushebelt und total verblendet. Es scheint, als wäre sie ein Zwang. Die Besessenheit, an nichts und niemand außer den anderen denken zu können. Die Begründung und vor allem Notwendigkeit für eine Beziehung.1

Ich dachte, fühlte mal genauso. Mit dem Unterschied, dass ich trotz aller Überwältigung nicht vollends blind für meine Schritte war. Naiv, dumm, unerfahren, befangen, ohne Frage, aber nicht mit der alles andere ausblendenden rosa-roten Brille. Zumindest, was die Rahmenbedingungen anbetraf. Andere Frauen übersieht man in einem derartigen Zustand schnell.

Heute sehe ich das anders. Diese gutgläubige, begeisterte Naivität weit in den Hintergrund getreten, zumindest meistens. Kein Prinz- und Prinzessinnen-Irrglaube mehr, sondern ein „klarer“ Blick, der es nicht immer angenehmer, aber kalkulierbarer macht. Ich glaube, Disney und alle andere Geschichtenerzähler vermitteln wirklich ein, nicht falsches, aber dysfunktionales Bild der Liebe. Es ist nicht mehr, und war vermutlich nur in den seltensten Fällen so, dass er und sie sich am Ende bekommen haben. Und wenn, dann bleibt immer noch offen, wie es Dornröschen und ihr Prinz, Aschenputtel und ihr Prinz, Schneewittchen und ihr Prinz und all die anderen Paare die anschließende Jahre gemeinsam aushalten – oder eben auch nicht. Märchen enden dort, wo die eigentliche Geschichte erst anfängt: am Beginn der Beziehung. Das führt dazu, dass man(n) zwar weiß, wie er seine Dame der Begierde erobert (sich den Weg frei schlagen, ihr nachrennen, ihr das Obst klein schneiden und – nicht zuletzt – Status), nicht aber, wie es das jeweilige Paar schafft bis an ihr Lebensende glücklich und zufrieden miteinander zu leben.
Okay, die Lebenserwartung war früher weitaus kürzer und vielleicht waren sie ein, zwei Jahre später tot. Das würde zumindest einiges erklären. Andernfalls wäre interessant zu erfahren, wie sie es geschafft haben, nicht dass.

Ich drifte ab. Der eigentliche Impuls zum Niederschreiben dieser Zeilen – vor dem hoffentlich fulminant wahrgenommenen Ende am Schluss – waren einige Wahrnehmungen am heutigen Tag.

Ein Mädchen, blond, schätzungsweise mein Alter, welches das Gleis entlang läuft, ihren eben aus dem Zug gestiegenen Freund erblickt, ihm entgegen rennt und um den Hals fällt. Ich musste beim Sehen dieser tänzelnden, überschwänglichen Art schmunzeln. Dieser anscheinende Irrglauben, dass all das eigene Glück nur im Gegenüber liegt – was es zu einem großen Teil zweifelsohne tut. Nur dass dieser im Laufe des Lebens ein anderes Gesicht tragen kann. Traurig, aber wahr. „Wahrheit“ schien die beiden nicht zu interessieren, so wie sie sich gegenseitig – sie ihn mehr als er sie – anfielen.

Junge und Mädchen, geschätzte 15 bis 16, wo ihr im Geiste nur zu sagen war, dass auch sie irgendwann feststellen wird, dass liebe Jungs nicht wirklich das Wahre sind. Genau danach sah dieser nämlich aus, er erinnerte mich an mich.

Oma und Opa, beide bestimmt schon auf die 80 zugehend. Er, ziemlich vital, steigt aus der Straßenbahn, schaut draußen wartend auf sie, während sie vorsichtig und behutsam eine Stufe nach der anderen nach unten tapst. Sie boxt ihn in die Seite, zumindest schaut es so aus, und hakt sich bei ihm ein. Gemeinsam tapseln sie los und ich frage mich, was die beiden zusammenhält. Geteilte Erfahrungen, das gemeinsame Leben, Alter, Krankheit, die Angst vor dem Tod? Mangel an Alternativen, Mangel an Antrieb, Gewohnheit, Routine, Verbundenheit, Liebe, Trost? Womöglich von allem ein wenig. Entscheidender wäre wohl zu wissen, wie sie es bis dorthin – heute – geschafft haben. Wie sie mit Hürden und Steinen umgegangen sind, die in ihrem Weg standen. Denn die wenigsten Geschichten verlaufen so gradlinig wie im Märchen.

Er, mein Alter, sitzt im Zug auf dem Weg zu ihr. Neben ihm eine weiße Rose mit etwas Grün, hektisch zusammengebunden und nur noch eine Geste statt ein wirkliches Geschenk. Auch er wird sich freuen sie wieder zu sehen, ihr strahlendes und Funkeln in den Augen zu erblicken. Ein Gefühl des Glücks und der Zufriedenheit wird ihn durchströmen, wenn sich ihr Körper an ihn schmiegt und ihre Arme seinen Hals umschlingen. Er wird seinen Kopf seitlich legen, die Augen schließen und ihr einen innigen Kuss auf die Lippen drücken, bevor er sie freudig anschaut und sie gemeinsam ihres Weges schreiten, sie zart an den weichen Blüten der Rose riechend.2

Er nennt es nicht Liebe, dieser Begriff ist ihm zuwider.
Das, was er im tief im Innersten fühlt, dürfte sie dennoch sein. Seine Umschreibungen das widerspiegeln, was sie letztendlich auszeichnet: Geborgenheit, Vertrauen, Nähe, Akzeptanz. Die Möglichkeit sich fallen zu lassen und man selbst zu sein. Unterstützung, Freiheit.

Wie lange dauert ein Märchen – fünfzehn, zwanzig Minuten? Eine derartige Geschichte ist schnell erzählt, sie selbst zu erleben hingegen eine Ewigkeit. Ob bis ans Lebensende, gemeinsam glücklich und zufrieden, wer vermag das zu sagen? Vermutlich wäre, ist das auch zu viel verlangt. Das Leben ist kein Märchen, traurig, aber wahr. Dafür erfahren wir, wie es weiter geht, nachdem sie sich bekommen haben. Antworten, die uns die Gebrüder Grimm, Walt Disney und all die anderen schuldig geblieben sind, sofern sie selbst überhaupt welche hatten und haben. Eine Frau zu erobern ist das Eine, sie zu unterhalten das Andere. Genau, wie Liebe und Beziehung zwei Paar Schuhe sind, die nicht immer zueinander passen.

Aber das ist eine andere Geschichte.

Robby, Kernstück

  1. Siehe u.a. den “Ich liebe dich so wie du bist.“-Trugschluss, meiner Meinung nach. []
  2. Randbemerkung: Lief natürlich alles ein “wenig” anders, aber das muss ja nicht schlecht sein. Auf lange Sicht, wie sie eben so schön sagte ;) []

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One Response to “Liebe

  1. [...] Dieser Eintrag wurde auf Twitter von Thüringer Blogs erwähnt. Thüringer Blogs sagte: Liebe: Liebe – ein Thema, das wohl mein Leben bestimmt. Ein Begriff, der mir regelrecht zuwider ist. Zumindest, we… http://bit.ly/cxtk28 [...]


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