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Irgendetwas nach sieben Uhr morgens. Ich sitze im Zug nach Hause, mehr auf dem Sprung, um körperlich endlich in ein neues Leben zu hechten. Nicht ausgeschlafen, nicht wirklich lebendig, aber doch irgendwie ganz fit. Zumindest habe ich es problemlos zum Bahnhof geschafft. Im Gesicht schlecht rasiert, genauer gesagt überhaupt nicht. Nicht, dass sich das bei mir übermäßig bemerkbar machen würde, aber diese „Assistopeln“ an Oberlippe und Kinn stören mich sehr. Zumindest, wenn es mich interessiert. Gerade tut es das nicht, nachher wird es schon. Wobei: Mittlerweile kann ich mich – zumindest im moderaten Wachstumszustand – damit auch „selbstbewusst“ bzw. „unirritiert“ auf die Straße begeben.

Wie dem auch sei. Ich sitze also im Zug, und während ich die vergangenen Tage Revue passieren lasse, die kommenden unterschwellig plane und während all meinen Blick mit dem Fenster des Wagons entlang ziehen lasse, grübele ich über die Handhabe meines abgelaufenen Ausweises. Ob ich jeder möglichen „Strafe“ zum Trotz vielleicht bis zum November, oder wann auch immer Ende des Jahres, auf einen der neuen warte, oder dann lieber „oldschool“ relativ frisch mit einem der alten aufwarten kann. Mir stellt sich die Frage, was ich denn zum Verlängern eigentlich brauche, ob Passbilder mittlerweile auch digital mitgebracht werden können und falls nicht, dass die verpflichtende Greifbarkeit ein, vielleicht nicht Bomben-, aber durchaus konstantes Geschäft in der Fotobranche ist. Ich überlege das später zu googlen, “Ausweis verlängern“, um innerhalb weniger Sekunden im Blick zu haben, was ich letztendlich benötige.

Und das ist eigentlich pervers. Eigentlich nicht, aber irgendwie. Statt jemanden in meinem Umfeld diese recht basale Sache zu fragen, soziale Interaktion zu betreiben, führt mich mein erster Gedanke zu google. Klar, muss ich da eben nicht fragen, mit möglichem Spott umgehen oder mir im selben Atemzug ellenlange Geschichten anhören. Stattdessen ein Sekundenbruchteil Angebot und Nachfrage, ein Effizienz- und Zeitgewinn.

Stellt sich die Frage, ob das alles ist. Nicht in Bezug auf Vorteile, sondern das, was wir – damit meine ich die Menschen – wollen. Soziale Netzwerke weichen Freundschaften und Beziehungen auf. Sage ich jetzt einfach mal so, ganz unempirisch, und habe ich die Tage auch in einem Online-Artikel gelesen. Wir haben Hunderte von “Freunden“, wobei – zumindest bei mir – ein Großteil dieser Personen nur die mögliche Tür zu Zweckbeziehungen darstellt. Jemanden zu kennen, der jemanden kennt, der einem in irgendeiner Form nützlich sein könnte. Immerhin ist man „befreundet“. Das ist zweifelsohne gut und wichtig, aber bei Weitem nicht alles. Die Gefahr dies so zu sehen, besteht allerdings.

Ich habe da weniger Sorgen um mich, als viel mehr um nachfolgende Generationen. Es reicht schon jetzt auf youtube zu schauen und die Freude und den Stolz des Hochladenden darüber zu sehen, dass Abertausende ein bekanntes Musikvideo aufgerufen haben. HALLO?! Die Leute wollen das Lied, denen ist scheiß egal, ob das xyz oder sonst wer hochgeladen hat, Hauptsache, es ist da. xyz scheint die Aufrufe aber auf sich zu attribuieren, als hätte er oder sie irgendetwas geleistet. Wow, die Musik eines bekannten und schaffenden Menschen hochzuladen, ist wirklich eine Kunst. Da kann man sich zu Recht einen auf die aberwitzig vielen Klicks drauf runterholen. Armselig.
Ich meine schön, dass es auch Bestätigungsmöglichkeiten für Leute gibt, die nichts Eigenes gebacken kriegen oder sie aber anderswo nicht bekommen, ohne Frage. Ich für meinen Teil kann darüber nur ungläubig und entsetzt lachen.

Geht man weiter, so werden Themen wie Aufklärung, Sexualität, Erwachsenwerden und die alltäglichen Fragen des Lebens nicht mit Eltern oder Freunden behandelt, sondern mit google1. Der „Austausch“, wenn man ihn so nennen will, findet also nicht mehr in direkter Interaktion statt, sondern zwischen Mensch und dem, was andere Menschen irgendwann mal virtuell hinterlassen haben. Das ist nicht schlecht, ganz hilfreich und wozu sonst gibt es Blogs, als diesen Kanal zu nutzen. Wenn die Sexualaufklärung allerdings von youporn übernommen wird, die Anzahl virtueller Kontakte wichtiger als die Qualität der manifesten ist und Menschen gegenüber Internetbekanntschaften von Liebe sprechen, dann läuft zumindest meiner Meinung nach etwas gehörig falsch, oder zumindest einseitig.

Ich habe nichts gegen all diese Weiterentwicklungen, ich meine, ich mag google2, ich mag youporn3, virtuelle Verknüpfungen und vereinfachte Kommunikation sowie Austausch mit physisch entfernten Gleichgesinnten. Gleichzeitig weiß ich, oder behaupte zu wissen, dass ich – zumindest einen gewissen Teil – denken und kritisch hinterfragen kann, zwischen pornorösem Geficke und „richtiger Sexualität“ – zumindest, was meine Person angeht – Welten liegen und die manifesten Gegenwart von Personen, mit denen man sich versteht, unbezahlbar ist. Von gemachten Enttäuschungserfahrungen mit vielversprechenden Internetbekanntschaften4 ganz zu schweigen.

Letztendlich stellt sich womöglich die Frage, wer neuen Content produziert, wenn „alle“ nur noch Content konsumieren. Zweifelsohne nicht alle, aber mit meinem naiven Blick befürchte ich, dass der Konsumentenanteil massiv anwachsen wird. Was wiederum nicht schlecht ist, solange es a) genug Produzenten gibt und b) die Konsumenten ihren Beitrag zum System leisten. Dabei unterscheide ich bewusst zwischen Anteil nehmen und Beitrag leisten. Ein, ich formuliere es möglichst wertneutral, Mensch, der nur auf Kosten anderer konsumiert, ist überflüssig. Vielleicht nicht der Einzelne – Kriminalität ist auch sinnvoll -, aber eine kritische Menge x.5 Wird diese „signifikant überschritten“, kippt das System.6 Entweder zieht man dann – besser vorher – die Reißleinen und kappt alle Verbindungen, die „unnütz“ sind, oder wird beim Untergehen mit runter gezogen. Ich meine, auf die eine oder andere Art und Weise wird sich das System – egal ob Zelle, Mensch, Gesellschaft, Welt, Universum oder was darüber hinaus noch existieren mag – selbst regulieren. Und wenn das den Untergang gewisser (Teil-)Systeme und Strukturen mit sich bringt… nun ja, so what?!

Wie dem auch sei. Ich für meinen Teil habe mich entschieden, den meinigen mehr Aufmerksamkeit zu widmen. Kontakt- und Beziehungspflege, wenn man es so nennen will. Dass ich dennoch umgehend twittere7 und Selbst- bis Systemkritik vorschreibe, statt einfach mit wildfremden Menschen in der freien Wildbahn zu interagieren8… nun ja, so what?!

Ich für meinen Teil habe zumindest die Zugfahrt (so gut wie) rumbekommen und meine Gehirnzellen produktiv genutzt. Zumindest, wenn man das Schreiben eines Blogeintrags als produktiv bewertet. Im Vergleich zu einer weiteren Runde Siedler 2, die zwar ganz unterhaltsam und zeitvertreibend gewesen wäre, kann ich das – für meinen Teil – bejahen. Wie das die “restliche Welt“ sieht?

Robby, who cares

  1. Oder jeden beliebigen anderen Suchmaschine. Das soll ja kein Feldzug gegen selbige sein, nur ist diese – für mich – am griffigsten/synonym. []
  2. Sofern es brauchbare Ergebnisse ausspuckt. []
  3. Sofern es brauchbare Ergebnisse ausspuckt :D []
  4. Blogeinträge dazu sollten zu finden sein. []
  5. Selbiges gilt meiner Meinung übrigens auch für Menschen, die nur auf Kosten anderer produzieren. []
  6. Ich meine, das lernt man schon im Biologie-Unterricht im Zusammenhang von Algen, Tensiden und Gewässern. []
  7. Auch so eine Krankheit…), wenn ich plötzlich per Anruf erfahre, dass mein Einweisungstermin im Sportpark aufgrund von Krankheit ausfällt ((Ich meine, dafür sitze ich um die Zeit „absolut fertig“ im Zug… []
  8. Aus dem Augenwinkel scheint jedenfalls seit Göttingen ein – mindestens – Kinder- und Jugendpsychotherapeut oder dergleichen mitzufahren. Zumindest, wenn man nach seinem Buch urteilt. Da findet man bestimmt gemeinsame Gesprächsthemen und Austausch. Beziehungsweise: Hätte man gefunden/finden können. []

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