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Ich lächle in mich hinein, bilde mir ein, mit meinen Augen Tiefgründigkeit auszustrahlen. Ich spiele den Blogeintrag mehrfach in meinem Kopf durch, bevor ich mich entschließe doch aufzustehen und meinen Laptop von der Ablage zu nehmen.

In der Mitte des Gangs eine Frau, die mittlerweile einen Sitzplatz ergattert hat. Ihrer Verbitterung dürfte das entgegen wirken. Ich habe es ihr gegönnt zu stehen. Mit einem überdimensionierten Ring an jeder Hand, auch sonst – für ihr Alter, schätzungsweise Mitte 50 – schick zurecht gemacht, einer schönen Handtasche und nach unten gekrümmten Mundwinkeln machte sie den Eindruck, als wäre es eine Unverschämtheit, dass gerade sie in diesem Zug stehen müsste. Sie, die es doch gewohnt ist, dass man ihr sonst die Welt und Kreditkarten zu Füssen liegt, muss stehen! Natürlich kann alles ganz anders sein, sie sympathisch, nett und freundlich, doch schreibe ich ihr in dieser Geschichte diese Rolle zu.

Schräg links gegenüber von mir sitzt der Emo. Die kurze Überlegung ihm mein so eben beendetes Buch, “Veronika beschließt zu sterben“, zu schenken. Besser als Rasierklingen. Ich taufe ihn Robert Stadtlober.
Die Dame neben ihm, mir gegenüber, macht den Eindruck, als wolle sie Unannehmlichkeiten auf jeden Fall vermeiden. Sie sieht so aus, und zieht ihre im Gang stehende Kraxe beim Vorbeigehen anderer Leute so nah wie möglich an sich heran, damit auch ja keiner einen Grund zur Beschwerde und ein jeder Nachsicht mit ihr hat. Ihr beim vereinzelten Niesen “Gesundheit“ zu wünschen, würde sie wohl schon glücklich machen.1

Auf dem Vierer rechts ist der kleine Junge hervorzuheben, der bis kurz nach dem Ergreifen meines Laptops niedlich, in den Sitz verdreht und mit geöffnetem Mund, geschlafen hat, kurz aufblickte, von mir angelächelt wurde, gähnte und sich nunmehr an seinen, höchstwahrscheinlich Vater ankuschelt.2

Die Frau neben mir wohl der interessanteste Charakter, wenn man es so nennen mag. Schon bei meinem Hereinkommen in das Abteil hatte ich das Gefühl eines wissenden Blicks. Den zu beschreiben ist schwierig, weiß man eigentlich, was gemeint ist – oder eben nicht. Hervorzuheben ist jedoch die Tatsache, dass sie – nachdem sie aufgegessen hatte – und während ich in die letzten Seiten meines oben genannten Buchers vertieft war, unübersehbar ebenfalls ein Buch von Paulo Coelho auspackte und festhielt. Ich vermute darin ja einen latenten Gesprächsanker, an den ich hätte anknüpfen können: “Oh, sie lesen ja auch ein Buch von Paulo Coelho….“. Ich musste gleich an das sinngemäße “Es braucht immer Vorwände.“ denken, welches sich in Juli Zehs „Spieltrieb“ wieder findet und mir beim ersten Aufschlagen des Buches im März 2006, damals noch ungekauft im Bücherladen, in die Augen sprang.3

Habe ich schon gesagt, dass ich das Gefühl nicht leiden kann beobachtet zu werden? So gerne ich das mache, genauso wenig kann ich es umgekehrt haben. Vor allem die Beobachtung der Beobachtungen des Beobachters *lach* Mehr sage ich dazu jetzt nicht *zwinker*

Robby, schon fast angekommen

  1. Sie steigt gerade aus und wird durch… na ja, der Typ ist bisher uninteressant. []
  2. Die Bonzenfrau ist auch gerade mit ausgestiegen, nun ja. Das bisschen hätte sie auch noch stehen können *fg* []
  3. Wobei das Spiel ja auch in zwei Richtungen funktioniert. Von daher. []

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5 Responses to “Momentaufnahme: Die Klimaanlage funktioniert”

  1. on 19 Jul 2010 at 20:28 cuentacuentos

    Den Kopf voller Bücher, beobachtend… ergeben sich ganz neue Geschichten. :-)

    Das mit den Fußnoten gefällt mir.

  2. on 20 Jul 2010 at 20:08 Robby

    Nur, dass niemand Zeit all diese Geschichten hören will ;)

    Ist das WP-Footnotes-Plugin.

  3. on 21 Jul 2010 at 06:10 cuentacuentos

    Nun mal nicht verzagen!
    Kopfkino ist unschlagbar, wenn auch Multimedia alles daran setzt, es zu killen.

    Dieses Plugin, ist das so eine Art Schuhlöffel für Fußnoten? – Jedenfalls… ob mit Plugin oder mit handgestrickten Söckchen, in der Verwendung von Fußnoten kann man es zu einer Vollkommenheit bringen, die es ermöglicht, mehrere Geschichten gleichzeitig zu erzählen, wobei es dem Leser überlassen bleibt, in welcher Reihenfolge er sie liest.

  4. on 21 Jul 2010 at 11:52 Robby

    Indeed.

    Wenn du es so nennen magst. Man kann halt per Doppelklammer ((Text)) Fußnoten setzen, die dann – wie oben gesehen – platziert werden. Ermöglicht eben weiterführende Gedanken/Kommentare, ohne den eigentlichen Text/Lesefluss zu zerhacken. Siehe auch hier.

  5. on 22 Jul 2010 at 21:27 cuentacuentos

    Ich wollte eigentlich auf etwas Anderes hinaus: Die Fußnote als stilistisches Mittel.

    Aber vielen Dank für den Tipp. Ich werde mal ausprobieren, ob man das bei blog.de auch hinbekommt.


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