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Loveparade-Katastrophe

Auch wenn für den Eintrag Steine fliegen dürften, komme ich nicht umher ein kurzes Statement zu den Vorkommnissen in Duisburg zu schreiben.

Schlimm? Ohne Frage.
Unnötig? Ja.
Absehbar? Anscheinend.
In dem Maße weltbewegend wie viele tun? Wohl kaum.

Ich möchte die Auswirkungen auf einzelne Familien oder Personengruppen gar nicht in Abrede stellen, gerade was Einzelschicksale und persönliche Geschichten anbetrifft, bin ich sehr empfindlich und empfänglich. Statistisch allerdings gesehen: 18 von 1.400.000. Nominal gesehen ein irrelevanter Bruchteil, der – wenn ich es böse auf den Kern runterbreche – den Fortbestand der eigenen Spezies nicht bedroht. Ehrlich gesagt würde mich interessieren, wie die Statistiken der vorherigen und/oder ähnlicher Veranstaltungen aussehen, wäre ein unbeschadetes Überstehen aller Teilnehmer… nun ja, arg unwahrscheinlich.

Seien wir doch mal ehrlich: Der eigentliche Aufhänger ist das Zustandekommen. Eine – wie ich bisher wahrgenommen habe – eigentlich absehbare und kalkulierbare Massenpanik entsteht. Bei derartigen Menschenmassen ist die bisherige Zahl in meinen Augen sogar “recht überschaubar”. Tragisch, unnötig und mehr und minder weitreichend – ich möchte die Folgen gar nicht herunter spielen – aber: Passiert. Das eigentliche Perverse daran ist die mediale und politische Ausschlachtung. Natürlich gilt es derartige Vorkommnise zu vermeiden beziehungsweise nicht derart zu provozieren, aber…

Wer nimmt wirklich Anteil an den Opfern und Angehörigen und haut das nicht nur als leere Phrase in den Wind? Und das frage ich (mich) ernsthaft. Denn ich für meinen Teil kann mir die Auswirkungen vorstellen, aber anteilnehmen: Nö. Wie(so) auch? Dazu müsste ich jemand Betroffenen persönlich kennen. Tue ich nicht, weiter geht’s. Da kann mir jemand vorwerfen ich sei ein schlechter Mensch, oder sonst etwas, aber so weit reicht meine Identifikation oder Verbundenheit doch nicht.1

Wer nimmt wirklich Anteil an den Opfern und Angehörigen und haut das nicht nur als leere Phrase in den Wind? Vor allem seitens der Politiker. Ich meine, die müssen das sagen, so funktioniert das Spiel. Nach jedem Amoklauf, nach dem Selbstmord von “wichtigen Persönlichkeiten” wie Robert Lemke Enke und ähnlichen Tragödien nimmt die Politik Anteil. Mehr aber anscheinend auch nicht. Oder anders: Statt Anteil zu nehmen – sei es echt oder rollenkonform gespielt – sollten die Damen und Herren lieber zusehen, dass das System ordentlich läuft und solche Vorfälle möglichst vermieden werden. Wobei sie nicht unvermeidbar sind: Paniken, Amokläufe, Selbstmorde passieren. Letztere im Schnitt 30 mal pro Tag. Wo und wie nimmt die Politik (und Medienwelt) da Anteil, wo und wie wird etwas dagegen unternommen?

Und diese Doppelmoral ist es, die mich zynisch am Rand stehend den Kopf schütteln lässt. Dafür muss ich keine sterbenden Kinder irgendwo auf der Welt auf die Bühne ziehen, da reichen Vergleichsfälle. Und zumindest im Falle Robert Enkes waren und sind die mehr als vorhanden. Aber es kümmert niemanden, außer vielleicht jene, die mit der jeweiligen Person in Verbindung standen. Hat das Ganze aber Eventcharakter, stirbt eine wichtige Person wie Robert Enke (!), verfallen alle in Anteilnahme und Trauer. Oh please…

Da kann mir jemand sagen, was er will, aber ich finde das heuchlerisch. Entweder ich nehme an dem Unglück der gesamten Menschheit (oder auch nur beliebigen Untergruppe) teil, oder ich tue es nicht. Aber plötzlich irgendwo so… naja, ich möchte nicht sagen so zu tun, vielleicht bin ich auch nur zu wenig damit identifiziert. Anyway: Für Menschen, die ich weder kenne noch mit denen ich in direkter Interaktion stehe, hält sich meine Anteilnahme in Grenzen. Ich meine, ich helfe alten Omis aus der Straßenbahn, helfe Leuten beim Aufheben umgeworfener Sachen oder biete Müttern Hilfe beim Treppen-Hochtragen ihrer Kinderwagen an. Da nehme ich Anteil am Leben von Menschen, die ich nicht kenne. Und ich würde auch Anteil nehmen, wenn jemand neben mir umkippt und um sein Leben kämpft, ohne Frage. Aber was mit Omis, Müttern mit Kinderwägen und so weiter außerhalb meiner Reichweite ist: Not my business.

An alle Anteilnehmenden: Gebt eure Anteilnahme lieber jemanden aus eurem Umfeld. Euren Eltern, Großeltern, Geschwistern, Kindern, Verwandten, Freunden und Bekannten. Dem Menschen, dem ihr auf der Straße über den Weg lauft, dem Obdachlosen, an dem ihr vorbei geht oder – und jetzt wird es spannend: einem Menschen, der euch innerlich tief verletzt hat. Jeder dieser Einzelnen wird euren “Moment der Anteilnahme an der Duisburger-Loveparade-Katastrohpe” wohl gebrauchen können. Aber vermutlich wäre das zu normal, alltäglich und unspektakulär. Für mich ist und bleibt es scheinheilig.

Aber vielleicht ist ja generalisierte Reziprozität die Ursache dafür: “Ich nehme Anteil an den eventbedingten Schicksalen anderer, damit andere es im Falle meines Falles auch täten.” Was wiederum die eigene Wertigkeit und Wichtigkeit für die Gesellschaft in den Vordergrund rücken würde. Nun ja, nur eine Überlegung.

Robby, angewidert2

  1. Aber dazu gleich mehr. []
  2. Und ja, ich warte auf die Kommentatoren die mir mitteilen, wie angewidert sie doch von meiner Ansicht sind: Cry me a river. Und nehmt lieber Anteil an eurem Umfeld als an medialen Events, Heuchler! :p []

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10 Responses to “Loveparade-Katastrophe”

  1. on 25 Jul 2010 at 08:54 Dave

    Danke für diesen persönlichen und mutigen Beitrag! Er spricht mir in weiten Teilen aus der Seele.

    Ja, es ist unpopulär und völlig gegen den Mainstream, so etwas zu schreiben. Aber ich bin froh, dass es Leute wie Dich, Robby, gibt, die es tun.

    Danke!

  2. on 25 Jul 2010 at 12:12 Schaf

    Also ich kenne niemanden persönlich, der dort gewesen ist. Aber ich bin so jemand, der sich einfach in solchen Momenten fragt: Was machen nur die Eltern durch, die ihr Kind dort wissen und es im Moment nicht erreichen, weil a) das Netz überlastet ist, b) es aufgrund der lauten Musik das Handy nicht hört, oder c)… möchte ich mir nicht ausmalen.

  3. on 25 Jul 2010 at 13:01 Robby

    @Dave: Danke.

    @Schaf: Kann ich durchaus verstehen, “bringt” mir aber nichts. Ich meine, ich kann mir auch vorstellen und ausmalen, welche Konsequenzen das in einzelnen Bereichen nach sich zieht, die Tragik und Fassungslosigkeit. Aber was habe ich davon? Und was hat jemand der wirklich Betroffenen davon? Nichts, meiner Meinung nach *Schulter zuck*

    Wie gesagt, es mag ja einen Sinn haben, dass du dich das fragst. Und sei es nur, dass du später auf deine Kinder gut aufpasst und diese bestmöglich (aber hoffentlich nicht zu sehr) absicherst. Ich meine, für mich wird das dann auch Thema sein, ohne Frage. Aber derzeit habe ich keinerlei Bezug zu der Geschichte und auch nicht das Bedürfnis einen herzustellen. Wie gesagt, Anteilnahme ist für mich etwas Persönliches, sei es durch emotionale Verbundenheit oder Kontakt.

  4. on 25 Jul 2010 at 14:43 Gonzo

    Hallo Robby,
    in Teilen kann ich deiner Argumentation schon irgendwie folgen, obwohl ich sie insgesamt wirklich nicht gut heißen kann.

    Was du anscheinend nicht bemerkst oder bemerken willst – du reitest genau auf der gleichen Medialen Aufmerksamkeitswelle, die du hier so verteufelst.

    Just my 2 cent,
    Viele Grüße
    Gonzo

  5. on 25 Jul 2010 at 15:27 Robby

    Hallo Gonzo,

    nein, ich kan das schon verstehen und klar habe ich gestern überlegt, ob ich mir aus deinen genannten Gründen den Eintrag nicht schenken sollte. Habe ihn dann dennoch zu Ende geschrieben und veröffentlicht, weil er trotz des selben Kanals auf der anderen Seite steht. Weil ich eben für Veränderung und gegen leeres Armerudern bin. Daher ist das “Mitspielen”, wenn man es so nennen will, notwendig. Oder erhöht zumindest die Wahrscheinlichkeit, das in Zukunft anders damit umgegangen wird, so dass derartige Statements nicht mehr notwendig sind.

    Ohne Gegenmeinung – die zweifelsohne auf der selben Welle schwimmt, wenn auch in entgegen gesetzte Richtung – ist ein “Umdenken”… ich möchte nicht sagen “faktisch unmöglich”, aber unwahrscheinlich. Will heißen: Ich sehe mein “Einmischen” als “notwendig” an, damit es irgendwann nicht mehr nötig ist. Darauf zu warten/hoffen, dass sich die Dinge alleine ändern…

    Oder anders: Man kann niemanden berühren, ohne selbst angefasst zu werden. Auch, wenn man das vielleicht nicht mag.

  6. on 25 Jul 2010 at 16:02 Robby

    Oder um es anders zu sagen: Manchmal muss man Feuer mit Feuer bekämpfen, für den Frieden in den Krieg ziehen oder ähnliches was metaphorisch in die selbe Richtung geht :D

  7. on 27 Jul 2010 at 21:32 Tom

    Es wird bei der Orga. solche Events scheinbar immer “an der Kante gesurft”. Keiner scheint zu denken das das auch mal schief gehen kann. Ansonsten hätte man diesen Platz niemals so überlaufen lassen. Money rulez! 1.4 Mill. Besucher bringen eben Geld.

    tom / toms bike corner

  8. on 28 Jul 2010 at 21:13 robert

    Du bist nicht betroffen und die Politiker mit Ihre Betroffenheitsbekundungen nennst Du ein Spiel?

    Willst Du wirklich, dass sich Politiker hinstellen und sagen: “Mein Gott 20 Tote, schon schlimm, aber mich betrifft es ja nicht! Mei haben sie halt pechgehabt! So jetzt zu weiter zu wichtigerem …”

    Ja? Ist es das was Du willst?!

    Und stell dir vor, Dir passiert was ähnliches, vielleicht ein schlimmer Unfall, Du stirbst und im Radio kommentiert dann der Moderator Deinen Unfall wie folgt: “Tja, is´er halt gestorben, betrifft mich ja nicht! So wir schalten um zur Werbung!”

    Stell Dir das mal vor! Stell Dir vor es wäre so, wie Du es Dir hier wünscht! Klasse Gesellschaft, das sind deine Ideale!

    Ganz schön schlimm!

  9. on 28 Jul 2010 at 21:23 Robby

    Naja, nicht ganz. Sagen wir, ich nehme keinen Anteil (außer, als ich Erfahrungsberichte gelesen habe) und meine Betroffenheit hält sich in Grenzen.

    Nein, aber dass sie nicht so tun, als würden diese Menschen, die sie nicht kennen, ihnen übermäßig viel bedeuten. Wenn dem nämlich so wäre, würde man etwas gegen solche und andere Vorkommnisse (präventiv) tun. Meiner Meinung nach.
    Außerdem wäre das zu sagen unpopulär, würde massivst Wählerstimmen kosten und sogar zu Rücktrittsforderungen führen. Von daher: Selbst wenn sie wöllten, könnten sie vermutlich nicht. Zumindest nicht ohne viel dafür zu bezahlen.

    Wenn ich tot bin, würde ich das eh nicht mehr mitbekommen. Abgesehen davon: Ist es, von der Überzeichnung abgesehen, anders? Verkehrsunfall, zwei Tote, nächste Meldung. Selbstmord, nächste Meldung. Alles, was keinen Event- oder Popularitätscharakter hat, wird doch so abgehakt, oder nicht?!

    Wie wünsche ich es mir denn? Deiner Meinung nach. Und was hätten meine Wünsche – wie immer sie auch ausschauen mögen – denn für Konsequenzen, außer leere Sätze des Entsetzens?

  10. on 29 Jul 2010 at 20:50 cuentacuentos

    Es gibt Dinge, die weiß man, und man weiß sie schon lange, und jeder weiß sie. Dazu gehört, daß Menschen in der Masse sich nicht sehr viel anders verhalten als eine Rinderherde. Und wer in seiner frühen Jugend mal in Verlegenheit kam, Western-Heftchen zu lesen, weiß daß der gefährlichste Teil eines Viehtriebs der durch einen Canyon ist. Und genau das haben die Veranstalter dort gebaut! Warum? Profit ging vor Sicherheit.

    @ Schaf
    Wie den Eltern zumute ist, kann man pauschal nicht beantworten. Für mich ist der bloße Gedanke, eines meiner Kinder zu überleben, unerträglich. Darüber hinaus wird es davon abhängen, wieviel Mitschuld sie sich geben. – Als meine Jüngste vor Jahren und Jahren unbedingt in Berlin zur Loveparade wollte, habe ich zuhause am Fernseher (den ich damals noch hatte) mir die ganze Live-Übertragung reingezogen, nicht weil ich große Lust drauf hatte (ic steh halt nicht auf Techno), sondern weil ich dachte, solange nicht von “Vorkommnissen” berichtet wird, kann ich einigermaßen beruhigt sein. Und dabei war die Loveparade in Berlin relativ sicher, Tiergarten zu beiden Seiten der Strecke, ohne Zäune. Danach mußten die Bäume und Sträucher gründlich gewässert werden, um die Menge an Urin verkraften zu können.

    Mich kriegen keine zehn Pferde zu solchen Massenveranstaltungen. Mir tun die Angehörigen und Freunde der Opfer leid, aber dabei muß ich auch sagen: So was kommt von so was. Sorry.


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